Wer sich gern draußen bewegt, vielleicht eine Outdoor-Sportart wie Mountainbiking oder Segeln liebt oder schlicht gern im Garten und am Haus ein wenig werkelt, der hatte früher meist ein praktisches Schweizer Offiziersmesser in der Tasche. Es war zwar dicker als ein herkömmliches Taschenmesser, bot aber auch Säge, Schraubenzieher, Schere und Dosenöffner. Für den Schweizer Offizier im Manöver offenbar genug – für aktive und sportliche Menschen oft zu wenig. Das sollte sich 1983 ändern als Timothy Leatherman sein erstes Multitool „PST“ auf den Markt brachte. Es konnte alles, was ein kleines Offiziersmesser bot und wurde, das war neu, durch einfaches umklappen der zwei Griffhälften zur Kombizange. Die Mutter aller Multitools, das PST, wurde 2004 aus dem Programm genommen. Heute gibt es aber jede Menge Tools, die Leathermans Prinzip übernommen haben. Auch die Erfinder des Schweizer Messers, Victorinox, bieten ein Multitool an, das, der Tradition folgend, auch noch Zusatzteile mit Inbuseinsätzen und Ratschenschlüssel bietet – es darf halt immer ein bisschen mehr sein als beim Wettbewerber. Beide Modelle sowie zwei Multitools von Herbertz und Stanley wollten wir auf ihre Alltagstauglichkeit prüfen lassen. Wir haben vier Tester – zwei Frauen und zwei Männer – auf der Straße angesprochen und davon überzeugt, für uns die Werkzeuge zu checken. Sie bekamen einen Aufgabenzettel, ein Prüfstück mit loser Schraube und fester Mutter, einen Draht und ein Frischholzzweig und jeweils eines der Werkzeuge für einen Tag zum Ausprobieren.

Leatherman „Surge“ gecheckt von Gerrit:
Der erste Eindruck vom „Surge“ in der Hand war der von einem robusten Werkzeug. Es war kompakt, passte gut in die Hand und hatte ein Gewicht, das auf solides Material schließen ließ. Die Werkzeuge ließen sich alle leicht ausklappen und arretierten sich automatisch. Dadurch klappt nichts weg oder wackelt während der Arbeit. Klar, nicht alle Werkzeuge braucht man wirklich. Den Sinn einer kleinen Ahle am Taschenmesser oder hier am Highclass-Multitool ist nicht eindeutig. Hier wäre ein richtiger Dorn zum vorpieken sinnvoller. Dafür gibt es eine Schere, die ihren Namen verdient. Sie ist scharf und groß genug, um damit tatsächlich zu schneiden. Genauso gut sind alle anderen Teile des Multitools.
Damit ist es beim Campen, Fahrradfahren und für den Alltag gut zu gebrauchen. Überzeugt haben auch die auswechselbaren Klingen. Selbst die wahrscheinlich am härtesten beanspruchten kleinen Klingen vom Drahtschneider der Zange kann man tauschen. Das ist super, denn dann muss man das teure Werkzeug nicht gleich wegwerfen, wenn die Klingen mal runter sind.

Herbertz gecheckt von Sarah:
Bis jetzt habe ich immer nur ein einfaches Taschenmesser besessen und noch nie so ein Multitool in der Hand gehabt. Dieses wirkt durch die „Holzverkleidung“ auf den Griffen sehr edel. Ich finde, es ist irgend- wie ein Taschenmesser für „Große“. Vielleicht liegt das auch daran, dass sich aus dem Griff neben dem Messer noch Säge, Feile, verschiedene Schraubenzieher, ein Dosenöffner und eine richtige Kombizange ausklappen lassen. Ich sollte für die Redaktion einen 2 mm dicken Eisendraht mehrmals durchkneifen, was mit der Zange wirklich einfach war. Danach sollte ich einen dünnen Ast spitz schnitzen. Dafür war die Messerklinge aber eigentlich zu stumpf. Ich habe dann auch noch die Säge ausprobiert, die dagegen richtig gut funktionierte. Beim Einklappen der Zange hat sich der Zangenkopf im Griff verhakt, weil man ihn zwar durchstecken, aber nur schwer zurückholen konnte. Das fand ich nicht so gut. Unterm Strich ist das Multitool schon ganz praktisch, aber ich weiß nicht, ob ich nicht doch lieber bei meinem kleinen Taschenmesser bleibe.

Stanley gecheckt von Valentino:
Die Form des Werkzeugs hatte es mir sofort angetan. Zusammengeklappt hat der Griff eine schlanke Taille und liegt sehr gut in der Hand. Wenn man dann die Zange ausklappt und die Griffe sich durch das Umschwenken plötzlich nach außen wölben, liegen sie wieder gut in der Hand. Man kann so richtig Kraft auf die Zangengriffe bringen. Dadurch war der Test, bei dem Draht durchgetrennt werden musste, fast schon ein Kinderspiel. Das hat richtig Spaß gemacht. Auch das Eindrehen einer Schraube ging problemlos, wenn man die Klinge nur 90 Grad ausklappt. Allerdings die Schrauberklinge rauszuholen, hat mir doch ein Problem bereitet. Mit meinen Fingern gelang es mir nicht, die Klinge auszuklappen. Wenn man ganz außen die Messerklinge vorholt, zieht sie die Schrauberklinge mit. So kommt man auch ans Ziel. Mir half, etwas umständlich, ein Schraubenschlüssel. Was gar nicht ging, war eine Mutter zu lösen, die einer Fahrradnaben-Mutter entsprach. Dafür ging die Zange einfach nicht weit genug auf.
Das Messer aber war superscharf, daran könnte sich manch Messer in meiner Küche ein Vorbild nehmen.

Victorinox gecheckt von Ingeborg:
„Was für ein edles Werkzeug“, dachte ich, als ich das „Spirit“ zum Testen bekam. Aus einem robusten Lederetui ragen glänzender Edelstahl und ein winziger Ratschenschlüssel mit Verlängerung und sechs Schrauberbits sowie einem Korkenzieher. Ich repariere ja so einiges selber und auch Unterwegs, zum Beispiel beim Camping, juckt es mir manchmal in den Fingern, schnell mal was zu richten. Dafür ist so ein Multitool in der Tasche eine feine Sache. Überzeugt hat mich die sehr scharfe gewellte Messerklinge, mit der sich Holz sehr leicht bearbeiten lies. Die Zange ist zu zart. Hier reichten Kraft und Hebel nicht aus, um eine festsitzende Mutter zu lösen. Auch das Ausklappen der Werkzeuge ist nur mit starken Fingernägeln machbar. Man kennt es von den Schweizer Taschenmessern vom selben Hersteller. Trotzdem ist das Werkzeug sehr solide und überreich ausgestattet – ich überlege nun, es mir zu kaufen.
selfmade living-FAZIT
Multitools sind die vielseitigsten Taschenwerkzeuge auf dem Markt und gehören deswegen eigentlich in jede (Hand-)Tasche. Bei unserem Check hat sich herausgestellt, dass schon für 20 bis 30 Euro Multitools zu bekommen sind, die dem Gelegenheitsanwender sicher reichen. Wer etwas fürs Leben haben möchte, sollte aber mindestens 100 Euro anlegen. Wichtig: Probieren Sie das Werkzeug aus, nehmen Sie es in die Hand, bevor Sie es kaufen. Jeder Mensch hat andere Hände, machen Sie den erst den Check!